Mit 10 Watt zum Mond?

Mit 10 Watt zum Mond – oder: Wenn Wahnsinn plötzlich funktioniert

von DO3OI, QRPler aus dem Distrikt H

Ich hatte da so eine Idee.
Also gut – eigentlich war es mehr ein Wunsch, ein Traum. Einer von der Sorte, bei denen gestandene Funkamateure kurz innehalten, die Stirn runzeln und dann höflich versuchen, das Thema zu wechseln:
Ein QRP-EME-QSO. Mit minimaler Leistung.
Kurz gesagt: Ich wollte mit wenig mehr als gutem Willen und einem Hauch Größenwahn den Mond nutzen.
Meine Setup… sagen wir… übersichtlich.
Ein IC-705, geschniegelt auf stolze 10 Watt Ausgangsleistung. Dazu eine Alaskan Arrow Yagi mit sagenhaften sieben Elementen auf 70 cm.

Also genau das Setup, bei dem erfahrene EME-Operatoren freundlich nicken und abwinken, aka: Je kleiner die Antenne, desto größer das Ego…
Ich kann bestätigen: Mein Ego war hervorragend abgestimmt.

Die Realität klopft an (und lacht leise). Wer sich auch nur ein bisschen mit EME beschäftigt hat, weiß, was jetzt kommt:
Reaktionen irgendwo zwischen mitleidigem Lächeln, energischem Kopfschütteln und dem Klassiker:
„Das wird nichts.“
Und ganz ehrlich? Rein physikalisch hatten sie recht.
Der Mond ist nicht gerade dafür bekannt, besonders entgegenkommend zu sein, wenn es um schwache Signale geht.

Also tat ich, was jeder halbwegs vernünftige Mensch tun würde:
Ich ignorierte alle Einwände und probierte es einfach. Immer und immer wieder.
Mit der Yagi in der Hand. Wirklich in der Hand.
Handheld EME – vermutlich die ineffizienteste Fitnessübung im Amateurfunk.
Die meisten Versuche verliefen… ruhig.
Sehr ruhig. Also so ruhig, dass selbst das Grundrauschen gelangweilt wirkte.
Kein Signal. Kein Decode. Nichts.
Und dann – ganz selten – ein Flackern.
Ein Hauch von etwas im Wasserfall.
So schwach, dass man sich nicht sicher war, ob es ein Signal war oder nur die eigene Hoffnung die verpuffte.
Aber es reichte.
Gerade genug Einbildung da etwas im Wasserfall gesehen zu haben um weiterzumachen.
Und dann kam dieser eine Abend nach mehr als 60 erfolglosen Versuchen.

Ich stand auf meinem Balkon. Die Antenne fast senkrecht, den Blick im ständigen Pendelverkehr zwischen Mond und Laptop. Die Erwartungen? Minimal. Die Hoffnung? Sie stirbt bekanntlich zuletzt.
Und plötzlich: ein Decode.
Frank aus Massachusetts USA, besser bekannt als NC1I.

Ich starrte auf den Bildschirm.
Nochmal. Und noch einmal.
Das war real.

Ohne lange nachzudenken – oder vielleicht gerade deshalb – antwortete ich auf sein CQ. Ein bisschen frech. Ein bisschen mutig. Ein bisschen „Was soll schon passieren?“
Und dann passierte es wirklich
Frank antwortete. Mir.
Im Mode Q65 decodierte er mein Signal bei -28 dB.
Das ist kein Signal mehr. Das ist eher eine höfliche Andeutung von Existenz.
Ein Wert nahe des absoluten Limit.
Ein Bereich, in dem schon ein schiefer Blick auf die Antenne alles zunichtemachen kann.
In diesem Moment setzte das ein, was man wissenschaftlich als „kompletten Kontrollverlust bei gleichzeitiger Funkdisziplin“ bezeichnen könnte.

Meine Hände begannen zu zittern.
Die Antenne ruhig zu halten wurde plötzlich zur Hochpräzisionsaufgabe.
Jeder Grad zählte. Jeder Millimeter war entscheidend. Und mein Körper so: „Wie wäre es mit Adrenalin? Viel Adrenalin.“ Aber irgendwie… funktionierte es.
Durchgang für Durchgang. Decode für Decode.

Jedes empfangene Signal ein kleiner Triumph.
Jede erfolgreiche Sequenz ein weiterer Beweis, dass gerade etwas passiert, das eigentlich nicht passieren sollte. Und dann:
Fertig. Das QSO stand. Im Log. Via EME Chat bestätigt und von mehreren Funkamateuren weltweit beglückwünscht. Und da mache ich mir nichts vor, als QRPler nutzt man sein gegenüber gnadenlos aus. Wer einen Blick auf die QRZ Seite von Frank wirft, der weiß was ich meine.

Dieser Moment hat mir mehr beigebracht als jede Diskussion über dB, Verluste oder Antennendiagramme.
Natürlich haben die Skeptiker recht:
Die Physik lässt sich nicht überreden.
Aber sie lässt sich manchmal… überraschen.

Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem Amateurfunk am meisten Spaß macht:
Nicht dann, wenn alles sicher ist –
sondern dann, wenn es eigentlich nicht gehen sollte.
Und es trotzdem geht.

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Updated: 3. November 2026 — 10:59